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Datum:02.09.2021 - Kategorie:Familie
Lesedauer:ca. 20 Min.

Cytomegalie – Gefahr in der Schwangerschaft

Cytomegalie ist die weltweit häufigste schädigende Infektion des Neugeborenen. Jede zweite Deutsche im gebärfähigen Alter hat sich bereits mit dem Virus infiziert und trägt es fortan lebenslang in sich. Oft ruft es keine oder nur grippeähnliche Symptome hervor. Infiziert sich eine Schwangere jedoch zum ersten Mal, kann das schwere Folgen für die Gesundheit des ungeborenen Kindes haben.

Cytomegalie – der Anruf in der Klinik

Sabine G. (Name geändert) wird den Anruf in der Klinik nie vergessen. Sie war im sechsten Monat schwanger und hatte ihr Blut noch einmal auf Toxoplasmose und Cytomegalie untersuchen lassen. Sie hatte dem Test zugestimmt, ohne zu wissen, was Cytomegalie ist. Die erste Untersuchung in der 8. Schwangerschaftswoche war unauffällig gewesen, die zweite in der 18. Woche hatte Antikörper im Blut nachgewiesen. Sie hatte sich damit nach der 8. Woche mit dem Virus infiziert. Eine Fruchtwasseruntersuchung in der Klinik sollte klären, ob das Virus auf das Kind in ihrem Bauch übergegangen war. 

„Sie müssen sich entscheiden, ob sie das Kind behalten wollen.“

Per Telefon erkundigte sie sich nach dem Ergebnis der Untersuchung. „Das Virus ist auf das Kind übergegangen und die Virenlast ist hoch“, eröffnete ihr die Oberärztin ohne Umschweife. Das Risiko für schwere Hirnschäden war damit hoch. „Sie müssen sich entscheiden, ob sie das Kind behalten wollen.“

Ich dachte, ich schaffe das nicht.

Sabine G. war geschockt. Sie hatte mit ihrem Mann bereits Zwillinge, die waren erst 1,5 Jahre alt. „Ich war schon ganz gut ausgelastet“, erzählt sie. Das dritte Kind war nicht geplant. Sabine G. fragte sich, wie sie ein behindertes Kind mit den Zwillingen groß ziehen sollte. „Ich dachte, ich schaffe das nicht“, erzählt die heute 42-Jährige.

Was ist Cytomegalie? 

Cytomegalie ist eine Infektionserkrankung, die durch das Cytomegalievirus (CMV) verursacht wird. Das Virus gehört zur Gruppe der Herpesviren. Nach der  Infektion bleibt das Virus, wie alle Herpesviren, lebenslang und meist ohne gesundheitliche Folgen im Körper.

Was sind die Symptome?

Die CMV Infektion verläuft selten mit grippeartigen Symptomen wie Abgeschlagenheit, Fieber oder Husten und überwiegend nahezu symptomfrei. In 80 Prozent der Fälle bleibt sie unbemerkt. Infiziert sich eine Schwangere zum ersten Mal, kann sie eine Fehlgeburt erleiden oder das Kind mit Hörstörungen, schweren Hirn- oder Organschäden zur Welt kommen.

Wie häufig steckt sich eine Frau in der Schwangerschaft an?

Laut Robert Koch-Institut steckt sich eine von 200 Schwangeren in der Schwangerschaft zum ersten Mal mit dem Cytomegalievirus an. 80 Prozent dieser Frauen weisen keine Symptome auf und merken nicht, dass sie sich infiziert haben.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus auf das Kind übergeht?

Hat sich die werdende Mutter zum ersten Mal infiziert, überträgt sie das Virus in 30 bis 40 Prozent der Fälle auf das ungeborene Kind. Dabei steigt die Wahrscheinlichkeit der Übertragung mit Fortschreiten der Schwangerschaft an: in der frühen Schwangerschaft (bis zur 12. Woche) liegt sie bei 10 bis 30 Prozent, im letzten Drittel der Schwangerschaft beträgt sie laut Robert Koch-Institut 80 Prozent. „Der Zeitpunkt der Infektion ist entscheidend für das Risiko des Kindes“, sagt Prof. Matthias Meyer-Wittkopf. Er leitet die Abteilung Pränataldiagnostik am Mathias-Spital in Rheine. Da die meisten Schwangeren nicht merkten, dass sie sich angesteckt hätten, merkten sie auch nicht, wenn sie ihr Kind infizierten.

Wie hoch ist das Risiko, dass das ungeborene Kind Schäden davonträgt?

Mehr als 80 Prozent der Infektionen in der Schwangerschaft verlaufen ohne Folgen für Mutter und Kind. Experten zufolge werden 0,2 bis 0,6 Prozent aller Neugeborenen mit einer in der Schwangerschaft erworbenen CMV-Infektion geboren. Das sind in Deutschland etwa 1.500 bis 4.500 Neugeborene pro Jahr. Von ihnen leiden 745 bis 2.050 Kinder unter bleibenden Schäden. Von den Kindern, die sich im Mutterleib mit dem Virus infiziert haben, bleiben 85 bis 90 Prozent ohne Symptome. 10 bis 15 Prozent litten unter Folgen wie einem gestörten Hörsinn oder einer schweren Entzündung des Gehirns, sagt Meyer-Wittkopf. 5 bis 10 Prozent der infizierten Kinder blieben ihr Leben lang schwer beeinträchtigt.

Cytomegalie – eine Infektion in der Frühschwangerschaft ist gefährlich 

Das Risiko, dass das Kind schwere Schäden erleidet, ist am höchsten, wenn die Mutter vor der Schwangerschaft noch nicht infiziert war und sich in den sechs Wochen vor der Empfängnis oder in den ersten 14 Wochen der Schwangerschaft ansteckt. Weil sich das kindliche Gehirn da erst entwickelt und das Immunsystem des Kindes noch schwach ist. „Die frühe Infektion ist die ganz gefährliche“, sagt Matthias Meyer-Wittkopf. Auch wenn die Übertragungsraten in der Frühschwangerschaft gering sind (10 Prozent), sei es falsch, zu glauben, da passiere schon nichts. Überträgt die Mutter das Virus im letzten Drittel der Schwangerschaft ans Kind, sind schwere Schäden nahezu ausgeschlossen.  

Welche Schäden kann das Kind davontragen?

Die Bandbreite ist groß: Die Infektion kann beim Kind symptomfrei verlaufen (85 bis 90 Prozent), aber auch leichte oder lebensbedrohliche Schäden hervorrufen. Vor allem Infektionen vor der 12. Schwangerschaftswoche können gravierende Folgen haben. Cytomegalie ist nach der genetischen Vererbung die häufigste Ursache für angeborene Hörstörungen. Auch das Sehvermögen kann gestört sein, das Kind kann langsamer wachsen, geistig zurückgeblieben sein, mit einem zu kleinen Kopf und Gehirn (Mikrozephalie), geschädigter Lunge oder Leber geboren werden. 

Sie entschieden sich das Kind zu behalten

Zu dem Pränatal- und Geburtsmediziner Matthias Meyer-Wittkopf kommen Schwangere, die schon wissen, dass sie ihr Kind infiziert haben, um abzuklären, ob es dauerhafte Schäden davontragen wird. Auch Sabine G. kam mit dieser Frage zu dem Experten. Ab der 20. Schwangerschaftswoche können eine Fruchtwasser- und Ultraschalluntersuchung Aufschluss geben, ob das Ungeborene infiziert und schwer geschädigt ist. An Gehirn und Organen von Sabine G.s Tochter konnte Meyer-Wittkopf nichts Ungewöhnliches feststellen. Das war 1,5 Wochen nach der Nachricht, dass ihr Kind mit CMV infiziert war. „Ich war sehr erleichtert“, erzählt Sabine G. Nur, ob das Kind einwandfrei würde sehen und hören können, konnte die Untersuchung nicht klären. Sabine G. und ihr Mann entschieden sich das Kind zu behalten.

Viele Betroffene kennen das Virus nicht. (Katharina Kögel, „Stark gegen CMV“)

Katharina Kögel ging es ähnlich wie Sabine G. Die heute 33-Jährige erfuhr im vierten Monat, dass ihr Kind im Bauch sich mit CMV infiziert hatte. Auch bei ihr war der erste Bluttest in der 8. Schwangerschaftswoche negativ gewesen, auch sie kannte die Krankheit nicht. „Viele Betroffene kennen das Virus nicht“, weiß sie heute. Sie muss sich zwischen dem ersten und zweiten Drittel der Schwangerschaft angesteckt haben.

Wie wird das Cytomegalovirus übertragen?

Infizierte Kleinkinder scheiden erhöhte Mengen der Viren in Speichel und Urin aus. Dadurch stecken sie andere Kinder, deren Eltern oder Erzieherinnen an. Viele Kinder und ihre Eltern infizieren sich in Krippen, Kindergärten und Babykursen. 20 Prozent der Kinder im Alter von ein bis zwei Jahren tragen den Virus in sich. Erzieherinnen und Mütter mit einem Kleinkind bis drei Jahre stecken sich Studien zufolge am häufigsten an. Auch Katharina Kögel hatte eine große Tochter im Kita-Alter.

Cytomegalie Virus bei Neugeborenen 

Grundsätzlich scheiden CMV-Infizierte das Virus über den Speichel, Nasensekret, Blut, Tränen, Muttermilch, Urin, Sperma oder Vaginalsekret aus. Bei 95 Prozent und mehr der stillenden Mütter, die sich lange vor der Schwangerschaft angesteckt haben, wird der Cytomegalievirus in der Stillzeit wieder aktiv und vermehrt sich (Reaktivierung). Dadurch scheidet die Mutter das Virus über die Muttermilch aus. In 35 Prozent der Fälle infiziert sie laut Robert Koch-Institut auf diese Weise ihr Kind. Die Infektion verläuft bei gesunden, reif geborenen Neugeborenen mit einem funktionierenden Immunsystem jedoch ohne Beschwerden und Symptome. 

Zunächst war nicht klar, ob die Tochter behindert sein würde

Katharina Kögels Tochter wurde mit Verkalkungen im Gehirn geboren. Es war zunächst nicht klar, wie die sich auswirken würden, ob ihre Tochter behindert sein würde und wenn ja, wie schwer. Dem Neugeborenen wurden Medikamente gegeben, welche die Vermehrung des Virus hemmen. Nach ein paar Wochen waren die Verkalkungen verschwunden. Kögels Tochter entwickelt sich normal, im September wird sie zwei Jahre alt. Allerdings treten bei 10 bis 15 Prozent der mit CMV infizierten Kinder, die bei der Geburt keine Symptome zeigen, bis zum Grundschulalter Spätfolgen auf. Die häufigste Spätfolge ist der Verlust des Gehörs.

Ich habe gelernt, mit der Ungewissheit umzugehen.

„Ich habe gelernt, besser mit der Ungewissheit umzugehen“, erzählt Katharina Kögel. Geholfen hat ihr, die Selbsthilfegruppe „Stark gegen CMV“ zu gründen und sich dort zu engagieren. „Das war Therapie für mich“, sagt sie. Zusammen mit Sabine Leitner, die vor 17 Jahren die erste deutsche CMV-Selbsthilfegruppe gründete, und Julia Burkhard, die sich ebenfalls in der zweiten Schwangerschaft mit CMV infizierte, baute sie die Internetseite „Stark gegen CMV“ auf. Die Ärzte Dr. Horst Buxmann und Prof. Matthias Meyer-Wittkopf unterstützten sie dabei mit ihrem Fachwissen. „Ich dachte es kann doch nicht sein, dass niemand von der Krankheit gehört hat“, sagt sie. 

Ende Juli 2020 ging die Website online. Sie informiert über eine Cytomegalie-Infektion in der Schwangerschaft und beim Kind, klärt über mögliche Folgen und Behandlungen auf und ist Anlaufstelle für betroffene Eltern. 

Wie kann ich mein ungeborenes Kind schützen?

„Jede Mama-to-be sollte sich auf CMV testen lassen und ihren Status kennen“, sagt Katharina Kögel. Ideal sei ein Bluttest in der 6. und 12. Schwangerschaftswoche.

Die Heimat Krankenkasse übernimmt für schwangere Versicherte die Kosten für den Bluttest im Rahmen des Gesundheitskontos

Sollte der Test ergeben, dass sich die Frau bislang noch nicht mit dem Virus angesteckt hat, sollte sie besonders auf Hygiene achten, empfehlen Kögel und Meyer-Wittkopf. Studien zufolge halbiere das Einhalten der Hygieneregeln die Cytomegalie-Infektionen in der Schwangerschaft. Laut „Stark gegen CMV“ kann eine Hygieneberatung das Risiko einer ersten Infektion mit CMV in der Schwangerschaft sogar um bis zu 85 Prozent senken.

Die Hygieneregeln: Das ist zu beachten

Um eine Erstinfektion in der Schwangerschaft zu vermeiden, empfiehlt „Stark gegen CMV“ folgende Hygieneregeln:

  • gründliches Händewaschen (20 Sekunden lang, vor dem Essen, nach dem Kontakt zu Mitmenschen und nach dem Spielzeug wegräumen)
  • eigenes Besteck benutzen und kein Essen teilen oder den Rest des Kinderessens aufessen
  • erkältete Menschen meiden
  • Nach dem Wickeln Hände desinfizieren und keine Kinder von Freunden oder Familienangehörigen wickeln
  • Das Kind in der Schwangerschaft nicht auf den Mund küssen und keine Tränen wegküssen
  • Nicht den Schnuller ablutschen

Katharina Kögels ältere Tochter hat sie in der Schwangerschaft nachts auf den Mund geküsst, Kögel ließ sie gewähren. „Heute, da ich die möglichen Folgen kenne, würde ich versuchen anders zu kuscheln“, sagt Kögel.

Gibt es einen Impfstoff?

Gegen das Cytomegalievirus gibt es bisher keinen Impfstoff. Zwar entwickelten Pharmafirmen seit vielen Jahren ein Vakzin, sagt Meyer-Wittkopf. Bislang wirke es jedoch zu schwach, um als Impfstoff zugelassen zu werden. Das US-Pharmaunternehmen Moderna hat schon vor der Corona-Pandemie an einem mRNA-Impfstoff gegen Cytomegalie geforscht. In diesem Jahr will Moderna eine Phase-III-Studie für den Impfstoffkandidaten mit dem Kürzel mRNA-1647 starten. Daran sollen 8.000 Frauen im Alter von 16 bis 40 Jahren teilnehmen, die sich noch nicht mit dem Virus angesteckt haben. Die Studie wird zeigen, wie gut die Impfung vor der Erstinfektion schützt.

Ein Wunder, dass die Tochter gesund ist

Sabine G.s Tochter kam gesund zur Welt. Sie schied das Virus jedoch noch jahrelang über den Urin aus. Sabine G. und ihr Mann informierten die Erzieherinnen in der Kita über das Virus und hielten schwangere Freundinnen, die zu Besuch waren, etwas auf Abstand zum Kind. Im Juni ist die Tochter sieben Jahre alt geworden und hat ihr erstes Zeugnis bekommen. „Ich bin sehr, sehr dankbar, dass sie gesund ist“, sagt Sabine G. Die Ärzte haben ihr gesagt, es sei ein Wunder, dass die Tochter bei der hohen Viruslast und frühen Infektion keine Symptome zeige. „Das Virus ist unberechenbar“, sagt Sabine G.

Anne Neul

Von Anne Neul

Anne Neul ist Redakteurin der Neuen Westfälischen, freie Journalistin, Life Coach und Mutter eines Sohnes. Ihre Themen-Schwerpunkte sind Schwangerschaft & Geburt, Gesundheit, Familie und persönliche Weiterentwicklung.  

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