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Datum:08.03.2021 - Kategorie:Gesundheit
Lesedauer:ca. 18 Min.

Mehr Alkohol und Zigaretten: Corona-Pandemie belastet Suchtkranke

Studien belegen, dass viele Menschen während der Pandemie mehr Alkohol und Tabak konsumieren und die verminderten sozialen Kontakte Suchtverhalten fördern. Sabine B. (Name geändert) wurde während des Lockdown rückfällig. Wie viel Alkohol und Zigaretten sind noch ok und ab wann schadet der Konsum der Gesundheit?

Sabine B. war vier Monate trocken, als sie an Heiligabend erfuhr, dass ihre Mutter und ihr Bruder schwer an Corona erkrankt waren. Sie lagen im Krankenhaus, ihr Bruder auf der Intensivstation, auch ihrer Mutter ging es schlecht. Der Rest der Familie befand sich in Quarantäne, ihre Freunde waren zum Weihnachtsfest bei ihren Familien. Sabine B. war allein. Da griff sie wieder zur Flasche. Whiskey. Und trank, bis die Flasche leer war. „Diese Pandemie hat mich reingerissen in die Krise“, sagt B. 

Mehr als ein Drittel der Befragten trinkt mehr Alkohol 

Wie Sabine B. geht es vielen. In einer Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) Mannheim und der Universitätsklinik Nürnberg gab mehr als ein Drittel der Befragten an, seit Beginn des Lockdown mehr Alkohol zu trinken. Knapp die Hälfte raucht mehr. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg und die Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am ZI Mannheim führten die Studie während des ersten Lockdown im April und Mai 2020 durch. An der anonymen Online-Befragung nahmen rund 3.200 Männer und Frauen teil. Seit 1. Dezember 2020 läuft eine neue Befragung.

Mehr Menschen suchen Hilfe in der Sucht- und Drogenberatungsstelle

Auch Annegret Storp, Suchttherapeutin und Fachbereichsleiterin der ambulanten Suchthilfe der Caritas Bielefeld, erfährt jeden Tag, dass die Menschen in der Corona-Pandemie mehr Suchtmittel konsumieren. Während Storp mit ihren Kollegen im Jahr 2019 782 Klienten beraten und ambulant therapiert hat, suchten im Jahr 2020 fast 60 Menschen mehr bei ihnen Hilfe, insgesamt 840.

Mehr Stress durch Homeschooling und finanzielle Krisen

Viele Menschen erlebten während der Pandemie mehr Stress, durch das Homeschooling oder eine finanzielle Krise aufgrund von Kurzarbeit, sagt Storp. Gleichzeitig fehle ein Ausgleich, weil sie in ihrer Freizeit kaum etwas unternehmen können. Stattdessen sind sie viel zu Hause, zum Teil in kleinen Wohnungen, in denen sie sich kaum aus dem Weg gehen können. Partnerschaftsprobleme verschärften sich unter diesen Bedingungen. „Viele trinken, um mit Konflikten besser umgehen zu können“, sagt Storp. 

Alkoholabhängigkeit – wie entsteht sie?

Eine Mutter meldete sich bei Annegret Storp, weil sie rückfällig geworden war. Sie fühlt sich mit dem Homeschooling ihrer Kinder überfordert. Sie sei doch keine Lehrerin, sagte sie. Am Nachmittag habe sie eine halbe Flasche Wein getrunken, um endlich einmal Ruhe zu haben. Die habe sie die Viertelstunde lang auch gehabt. Wer Alkohol trinke, um sich zu beruhigen, werde durch diese Gewohnheit mit der Zeit abhängig, erklärt Storp. Der Körper gewöhne sich an den Alkohol und mehr sei nötig, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Ein Süchtiger fühle einen unbezwingbaren Drang, solange zu trinken, bis die Flasche leer sei. Dieser Kontrollverlust sei ein Zeichen der Abhängigkeit.

Sabine B. fehlt der Kontakt zu anderen Menschen

Vor Corona ging Sabine B. oft schwimmen, traf Freundinnen im Café oder ging mit ihnen ins Kino. Die 60-Jährige engagierte sich ehrenamtlich, kochte in einer Alten-WG und führte Hunde in der Nachbarschaft aus. Durch Corona sei das alles von heute auf morgen weggebrochen. „Es fehlt mir“, sagt Sabine B. Die anderen Menschen, die Gespräche, die Aufgabe.

Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie den Tag füllen sollen. (Dr. Martin Reker) 

„Eine Beschäftigung ist für chronisch Kranke wichtig“, sagt Dr. Martin Reker. Er ist Sabine B.s behandelnder Arzt und der ärztliche Leiter der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Evangelischen Klinikum Bethel. Das könne ein Arbeitsplatz sein oder eine ehrenamtliche Aufgabe. Fehle dieser Lebensmittelpunkt und damit ein wichtiges tagesstrukturierendes Element, rutschten viele wieder ab in die Sucht. „Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie den Tag füllen sollen“, sagt Reker. „Wenn sie morgens aufstehen und nicht wissen, was sie machen sollen, fangen viele wieder an zu trinken.“ Labile gingen schnell unter in der Krise.

Alkoholsucht: Trockenphasen dauern Monate oder Jahre

Nach der ersten Flasche Whiskey an Heiligabend trank Sabine B. wieder jeden Tag. Nach elf Tagen suchte sie Hilfe in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bielefeld-Bethel, bei Martin Reker. Hier, auf der Entzugsstation in Gilead IV, hat sie 2004 den ersten Alkoholentzug gemacht. Danach blieb sie sieben Jahre lang trocken. Seitdem dauern die Trockenphasen mehrere Monate oder auch mal zwei Jahre. In Krisen kehrt Sabine B. hierhin zurück. 

Suchtkranke werden mit der Zeit depressiver

Für viele Suchtkranke sei der Arbeitsplatz eine große Ressource, damit sie nicht trinken, sagt Storp. Sie wollten nicht, dass die Kollegen sie betrunken sehen. Im Homeoffice fehle diese Kontrolle. Mit dem Andauern der Pandemie stelle sie fest, dass viele Patienten gereizter und depressiver sind. „Es fällt vielen schwer, durchzuhalten.“

Mal trinkt sie ein, zwei Schlucke, dann wieder eine Flasche

Sabine B. ist seit zehn Jahren in Rente, sie lebt allein. Sie trinke immer erst abends, erzählt sie. An einigen Tagen ein, zwei Schlucke, dann wieder eine ganze Flasche.

Alkoholkonsum – wie viel schadet nicht?

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen definiert klar, wie viel Alkohol pro Tag der Gesundheit nicht schaden. Bei Frauen sind das 12 Gramm reiner Alkohol, bei Männern 24 Gramm. Ein 0,2-Liter-Glas Bier oder 0,1 Liter Wein enthalten 10 Gramm Alkohol. An zwei bis drei Tagen pro Woche solle man auf Alkohol verzichten, sagt Storp. Alkohol in Maßen sei nicht gesundheitsschädlich. 

Schon eine Zigarette am Tag schadet der Gesundheit 

Bei Tabak sieht das anders aus: Schon eine Zigarette am Tag schadet der Gesundheit, und zwar erheblich, schreiben die Lungenärzte im Netz. Forscher werteten 141 Studien zum Thema aus, die zwischen 1946 und Mai 2015 veröffentlicht wurden. Männer, die etwa eine Zigarette am Tag rauchen, haben ein um 48 Prozent höheres Risiko für Herzerkrankungen als Nichtraucher. Für einen Schlaganfall erhöht sich ihr Risiko um 25 Prozent.

Bei Frauen steigt das Risiko noch stärker: um 57 Prozent für Herzerkrankungen und um 31 Prozent für einen Schlaganfall. Insgesamt tragen Raucher, die eine Zigarette am Tag rauchen, 40 bis 50 Prozent des Risikos von Rauchern, die 20 Zigaretten am Tag rauchen. Grund sind die Zusatzstoffe im Tabak. 

Jeder muss selbst entscheiden, wie viel er trinkt

Grenzen für den Alkoholgenuss zu definieren werde dem Thema nicht gerecht, findet Martin Reker. Der Übergang vom genussvollen Konsum zu solchem, der dem Körper schadet, sei fließend und individuell verschieden. Er hänge von vielen Faktoren ab. Früher habe es die Vorstellung gegeben, man könne den Menschen vorschreiben, wie viel sie trinken. Die Menschen lebten heute jedoch selbstbestimmt und müssten selbst die Verantwortung für sich und ihre Gesundheit übernehmen.

Menschen, die Suchtmittel konsumierten, müssten aber über die Vorteile und Risiken des Konsums gut informiert sein. Mehr als zwei kleine Bier oder zwei Glas Wein pro Tag beeinträchtigten die Gesundheit. „Und zwar je mehr ich trinke, desto mehr schade ich meiner Gesundheit.“ 


Zertifizierte Kurse zum Umgang mit Suchtmitteln

Die Heimat Krankenkasse bezuschusst Gesundheitskurse zum Umgang mit Suchtmitteln; darunter Nichtraucher-Programme und ein Selbstkontrolltraining für den Umgang mit Alkohol. Die Kurse in ganz Deutschland sind über die bundesweite Kursdatenbank zu finden. Dafür unter „Themenbereiche“ "Umgang mit Suchtmitteln" auswählen.


Ohne Alkohol müssten die Betroffenen ihre Probleme anders lösen. Das ist anstrengend. (Dr. Martin Reker) 

Es gebe immer einen Grund, warum jemand trinke, sagt Reker. Er unterscheidet zwei Arten von Trinkern: Die einen seien Genusstrinker. Sie könnten sich ein schönes Essen oder ein Fußballspiel ohne Alkohol nicht vorstellen. Mit Alkohol seien sie dabei besser drauf. Sie verzichteten auf den Alkohol nur, wenn es sich lohnt: Wenn ein neuer attraktiver Arbeitsplatz Alkoholverzicht voraussetzt oder wenn die neue Freundin den Alkohol nicht leiden kann.

Die zweite Gruppe Trinker nutze Alkohol wie ein Medikament, um zu entspannen oder einzuschlafen. Ohne Alkohol müssten sie ihre Probleme anders lösen. Das sei anstrengend. „Suchtmittel bieten eine schnelle Lösung“, sagt Reker. Suchtkranke seien durch belastete Lebensgeschichten mit schwierigen Beziehungen zu bedeutsamen Menschen oft leichter verletzbar und weniger belastbar.

Sie wollte die Bilder loswerden, die sie verfolgten

Sabine B. betäubt sich mit Alkohol, wenn sie traurig ist. Das ist sie oft. Die 60-Jährige leidet unter Depressionen und einer post-traumatischen Belastungsstörung. Als sie 18 war, verunglückte ihr Verlobter vor ihren Augen tödlich mit dem Motorrad. In derselben Nacht verlor sie das Kind, das sie unter dem Herzen trug. Sein Kind. Als sie 34 war, begannen die Flashbacks. Wenn sie ein Motorrad sah, das dem Unfallmotorrad ähnlich war, startete der Film in ihrem Kopf. Nachts hatte sie Alpträume, in denen sie alles noch einmal erlebte. Mit 35 fing sie an zu trinken. Sie wollte die Bilder loswerden, die sie verfolgten.  

Am nächsten Morgen die Selbstvorwürfe: „Du hast es wieder nicht geschafft.“ (Sabine B., Alkoholikerin)

Nach neun Jahren merkte sie, dass sie ohne Alkohol nicht mehr leben konnte. Sie machte ihren ersten Entzug in Bethel. Im ersten Moment helfe der Alkohol, erzählt Sabine B. Doch das sei ein fataler Glaube. „Denn am nächsten Morgen ist das Problem immer noch da.“ Dazu die Selbstvorwürfe: „Du hast es wieder nicht geschafft.“ 

Was sind die Ursachen von Suchtproblemen?

„Alkoholismus zieht sich durch alle Schichten“, sagt Annegret Storp. In die Beratungsstelle komme die ganze Bandbreite der Gesellschaft: der Bankangestellte, Mütter und Väter, die Kinder erziehen, Menschen aus schwierigen Verhältnissen, Arbeitslose. Süchtige seien  oft in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem getrunken werde. Sei das der Fall oder hätten sie zu Hause Gewalt erfahren, erhöhe sich das Risiko um 50 Prozent, selbst eine Sucht zu entwickeln. Aber auch wenn die Eltern wenig Zeit hätten und sonst sozial gut aufgestellt seien, entwickelten die Kinder bisweilen eine Sucht. Unter Umständen auch, wenn sie in eine Clique geraten, in welcher angesehen ist, wer viel Drogen konsumiert und was aushält. 

Nicht alle Alkoholiker sind obdachlos und trinken schon morgens auf der Straße. (Annegret Storp)

Es gebe sehr verschiedene Formen der Alkoholabhängigkeit, sagt Storp. „Es sind nicht alle obdachlos und trinken schon morgens auf der Straße.“ Statistisch gesehen sei jeder siebte Arbeitnehmer alkoholabhängig, aber auch Hausfrauen und Menschen mit Familie. Zwei Drittel der Abhängigen seien Männer, ein Drittel Frauen.

Während ihres Klinik-Aufenthaltes in Bethel ist Sabine B.s Mutter gestorben. Nach gut drei Wochen ist sie wieder zu Hause. „Corona hat alles schlimmer gemacht“, sagt sie. Doch wenn es ihr wieder schlecht geht, sind da Dr. Martin Reker und seine Kollegen, die für Suchtkranke da sind und ihnen helfen.

Anne Neul

Anne Neul ist Redakteurin der Neuen Westfälischen, freie Journalistin, Life Coach und Mutter eines Sohnes. Ihre Themen-Schwerpunkte sind Schwangerschaft & Geburt, Gesundheit, Familie und persönliche Weiterentwicklung.  

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