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Datum:21.11.2022 - Kategorie:Familie
Lesedauer:ca. 21 Min.

Zytomegalie in der Schwangerschaft - die unsichtbare Gefahr

Zytomegalie ist die weltweit häufigste schädigende Infektion des Neugeborenen. Jede zweite Deutsche im gebärfähigen Alter hat sich bereits mit dem Virus infiziert und trägt es fortan lebenslang in sich, ebenso wie schützende Antikörper. Oft ruft es keine oder nur grippeähnliche Symptome hervor. Infiziert sich eine Schwangere jedoch zum ersten Mal, kann das schwere Folgen für die Gesundheit des ungeborenen Kindes haben. Bisher gibt es für Schwangere zwar medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten aber noch keine offiziell zugelassene Therapie.

Der Anruf in der Klinik

Sabine G. (Name geändert) wird den Anruf in der Klinik nie vergessen. Sie war im sechsten Monat schwanger und hatte ihr Blut noch einmal auf Toxoplasmose und das Zytomegalie-Virus untersuchen lassen. Sie hatte dem Test zugestimmt, ohne das Virus zu kennen. Die erste Untersuchung in der 8. Schwangerschaftswoche war unauffällig gewesen, die zweite in der 18. Woche hatte Antikörper im Blut nachgewiesen. Sie hatte sich damit nach der 8. Woche mit dem Virus infiziert. Eine Fruchtwasseruntersuchung in der Klinik sollte klären, ob das Virus auf das Baby im Bauch übergegangen war.

Ich dachte, ich schaffe das nicht (Sabine G.).

Per Telefon erkundigte sie sich nach dem Ergebnis der Untersuchung. „Das Virus ist auf das Baby übergegangen und die Virenlast ist hoch“, eröffnete ihr die Oberärztin ohne Umschweife. Das Risiko für schwere Hirnschäden war damit hoch. „Sie müssen sich entscheiden, ob Sie das Kind behalten wollen.“ Sabine G. war geschockt. Sie hatte mit ihrem Mann bereits Zwillinge, die waren erst 1,5 Jahre alt. „Ich war schon ganz gut ausgelastet“, erzählt sie. Das dritte Kind war nicht geplant. Sabine G. fragte sich, wie sie ein behindertes Kind mit den Zwillingen groß ziehen sollte. „Ich dachte, ich schaffe das nicht“, erzählt die heute 43-Jährige.

Was ist Zytomegalie?

Zytomegalie ist eine Infektionserkrankung, die durch das Cytomegalovirus (CMV) verursacht wird. Das Virus gehört zur Gruppe der Herpesviren. Nach der  Infektion bleibt das Virus, wie alle Herpesviren, lebenslang und meist ohne gesundheitliche Folgen im Körper.

Wie äußert sich Zytomegalie?

Eine CMV-Infektion verläuft bei gesunden Erwachsenen überwiegend nahezu symptomfrei, selten mit grippeartigen Symptomen wie Abgeschlagenheit, Unwohlsein, Fieber oder Husten. In 80 Prozent der Fälle bleibt die Infektion völlig unbemerkt. Infiziert sich eine Schwangere kurz vor Schwangerschaftseintritt oder im ersten Schwangerschaftsdrittel erstmalig mit dem Virus, kann sie eine Fehlgeburt erleiden oder das Baby mit Hörstörungen, schweren Schädigungen des Hirns oder der Organe zur Welt kommen.

Die frühe Infektion ist die ganz gefährliche (Prof. Matthias Meyer-Wittkopf).

Wie häufig kommt Zytomegalie vor?

Schon 20 Prozent der zweijährigen Mädchen in Kindergärten sind immun gegen das Virus, das heißt, sie haben sich bereits vorher infiziert. Mit steigendem Lebensalter nimmt die Verbreitung des Virus zu: Von den 40- bis 50-Jährigen sind 80 Prozent immun, sie hatten also Kontakt mit dem Virus. Laut Robert Koch-Institut (RKI) steckt sich eine von 200 Schwangeren zum ersten Mal mit dem Zytomegalie-Virus an. 80 Prozent dieser Frauen weisen keine Symptome auf und merken nicht, dass sie sich infiziert haben.

Wie gefährlich ist Zytomegalie für Mutter und Kind?

Für die Mutter ist das Virus ungefährlich. Für das Baby ist es nur im Stadium des sich entwickelnden Embryos bzw. Fötus gefährlich, wenn sich die Mutter inder Frühschwangerschaft ansteckt. Das Risiko, dass das Baby schwere Schäden erleidet, ist am höchsten, wenn die Mutter vor der Schwangerschaft noch nicht infiziert war und sich in den sechs Wochen vor der Empfängnis oder in den ersten 14 Schwangerschaftswochen ansteckt. Weil sich das kindliche Gehirn da erst entwickelt und das Immunsystem des Babys noch schwach ist.

„Die frühe Infektion ist die ganz gefährliche“, sagt Prof. Matthias Meyer-Wittkopf. Er leitet die Abteilung Pränataldiagnostik am Mathias-Spital in Rheine. Auch wenn die Übertragungsraten in der Frühschwangerschaft meist nur 30 Prozent betragen, sei es falsch, zu glauben, da passiere schon nichts. Überträgt die Mutter das Virus im letzten Drittel der Schwangerschaft auf das Baby, sind schwere Schäden dagegen nahezu ausgeschlossen. 

Von symptomfrei bis schwere Schäden ist alles möglich

Die Bandbreite ist groß: Die CMV-Infektion kann beim Kind symptomfrei verlaufen (85 bis 90 Prozent), aber auch leichte oder lebensbedrohliche Schäden hervorrufen. Vor allem CMV-Infektionen vor der 14. Schwangerschaftswoche können gravierende Folgen haben. Der Zytomegalievirus ist nach der genetischen Vererbung die häufigste Ursache für angeborene Hörstörungen. Auch das Sehvermögen kann gestört sein, das Kind kann langsamer wachsen, geistig zurückgeblieben sein, mit einem zu kleinen Kopf und Gehirn (Mikrozephalie), geschädigter Lunge oder Leber geboren werden.

Der Zeitpunkt der Infektion ist entscheidend für das Risiko (Prof. Matthias Meyer-Wittkopf, Pränatalmediziner).

Hat sich die werdende Mutter erstmalig infiziert, überträgt sie das Virus in 30 bis 40 Prozent der Fälle auf das ungeborene Baby. Dabei steigt die Wahrscheinlichkeit der Übertragung im Laufe der Schwangerschaft an: bis zur 12. Woche liegt sie bei 30 Prozent, im letzten Drittel beträgt sie laut RKI 80 Prozent. „Der Zeitpunkt der Infektion ist entscheidend für das Risiko des Kindes“, sagt Matthias Meyer-Wittkopf. Da die meisten Schwangeren nicht merkten, dass sie sich angesteckt hätten, merkten sie auch nicht, wenn sie ihr Baby infizierten.

Sie wussten nicht, ob das Baby einwandfrei würde sehen und hören können

Zu dem Pränatal- und Geburtsmediziner Matthias Meyer-Wittkopf kommen Schwangere, die schon wissen, dass sie ihr Baby infiziert haben. Um abzuklären, ob es dauerhafte Schäden davontragen wird. Auch Sabine G. kam mit dieser Frage zu dem Experten. Ab der 18. bis 20. Schwangerschaftswoche können eine Fruchtwasser- und Ultraschalluntersuchung Aufschluss geben, ob das Ungeborene infiziert und schwer geschädigt ist. An Gehirn und Organen von Sabine G.s Tochter konnte Meyer-Wittkopf nichts Ungewöhnliches feststellen. Das war 1,5 Wochen nach der Nachricht, dass ihr Baby mit CMV infiziert war. „Ich war sehr erleichtert“, erzählt Sabine G. Nur, ob ihre Tochter einwandfrei würde sehen und hören können, konnte die Untersuchung nicht klären. Sabine G. und ihr Mann entschieden sich, das Kind zu behalten.

Viele Betroffene kennen das Virus nicht. (Katharina Kögel, „Stark gegen CMV“)

Katharina Kögel ging es ähnlich wie Sabine G. Die heute 34-Jährige erfuhr im vierten Monat, dass ihr Baby im Bauch sich mit CMV infiziert hatte. Auch bei ihr war der erste Bluttest in der 8. Schwangerschaftswoche negativ gewesen, auch sie kannte die Krankheit nicht. „Viele Betroffene kennen das Virus nicht“, weiß sie heute. Sie muss sich zwischen dem ersten und zweiten Drittel der Schwangerschaft angesteckt haben.

Wie steckt man sich mit Zytomegalie an?

Grundsätzlich scheiden CMV-Infizierte das Virus über den Speichel, Nasensekret, Blut, Tränen, Muttermilch, Urin, Sperma oder Vaginalsekret aus. Speichel, Blut und Urin sind die Haupt-Infektionswege für das Virus. Außer beim Partner komme man mit diesen Sekreten meist nur in Berührung, wenn man im medizinischen Gewerbe arbeite, einem Kleinkind die Windeln wechselt, den heruntergefallenen Schnuller ablutscht oder andere Sekretkontakte zu Kleinkindern hat, sagt Meyer-Wittkopf.

Infizierte Kleinkinder scheiden erhöhte Mengen der Viren in Speichel und Urin aus. Dadurch stecken sie andere Kinder, ihre Eltern oder Erzieherinnen an. Viele Kleinkinder und ihre Eltern infizieren sich in Krippen, Kindergärten und Babykursen. 20 Prozent der Ein- bis Zweijährigen tragen das Virus in sich. Erzieherinnen und Mütter mit einem Kleinkind bis drei Jahre stecken sich Studien zufolge am häufigsten an. Die häufigste Infektion der Schwangeren, die noch keine Antikörper gebildet hat, passiert in der Familie durch das eigene Kleinkind. Typisch ist, dass die Frau bereits ein oder zwei Kinder hat und sich in der 3. Schwangerschaft infiziert. Auch Katharina Kögel hatte eine große Tochter im Kita-Alter.

Die Mutter scheidet das Virus über die Muttermilch aus

Bei 95 Prozent und mehr der stillenden Mütter, die sich lange vor der Schwangerschaft angesteckt haben, wird das Zytomegalievirus in der Stillzeit wieder aktiv und vermehrt sich (Reaktivierung). Dadurch scheidet die Mutter das Virus über die Muttermilch aus. In 35 Prozent der Fälle infiziert sie laut RKI auf diese Weise ihr Baby. Die Infektion verläuft bei gesunden, reif geborenen Babys mit einem funktionierenden Immunsystem jedoch ohne Beschwerden und Symptome.

Hilfe, ich habe Zytomegalie. Was passiert jetzt?

Für Schwangere gibt es noch keine offiziell zugelassene Therapie gegen das Zytomegalievirus. Trotzdem gibt es einige Therapiemöglichkeiten. Wurde bei einer schwangeren Frau mittels Bluttest eine Erstinfektion festgestellt, bekommt sie bei Bedarf Antikörper gegen das Virus verabreicht. Ziel der Behandlung ist, zu verhindern, dass das Virus auf das Baby übergeht. Ist das bereits geschehen, würden der Mutter anders als noch vor ein paar Jahren keine Antikörper mehr gegeben, sondern stattdessen plazentagängige Virostatika, sagt Meyer-Wittkopf.

Medikamente hemmen die Vermehrung des Virus

Ist das Baby im Mutterleib bereits mit dem Zytomegalievirus infiziert, bekommt die Mutter Virostatika verabreicht. Diese Medikamente hemmen die Vermehrung des Virus im mütterlichen Körper und infolgedessen im Ungeborenen. „Medikamente zu nehmen ist viel besser, als nichts zu tun“, sagt Meyer-Wittkopf. Neueste Studien aus Israel untersuchen sogar, ob es nicht sinnvoll wäre, der erstinfizierten Schwangeren in jedem Fall Virostatika zu geben, noch bevor man weiß, ob das Virus auf das Baby übergegangen ist oder nicht. Auch Neugeborene, die CMV-typische Symptome zeigen, bekommen Virostatika verabreicht. Wichtig ist hier, innerhalb der ersten vier Wochen nach der Geburt mit der Medikamentengabe zu starten.

Zunächst war nicht klar, ob die Tochter behindert sein würde

Katharina Kögels Tochter wurde mit Verkalkungen im Gehirn geboren. Es war zunächst nicht klar, wie die sich auswirken würden. Ob ihre Tochter behindert sein würde und wenn ja, wie schwer. Dem Neugeborenen wurden Medikamente gegeben, welche die Vermehrung des Virus hemmen. Nach ein paar Wochen waren die Verkalkungen verschwunden. Kögels Tochter entwickelt sich normal, inzwischen ist sie drei Jahre alt. Allerdings treten bei 10 bis 15 Prozent der mit CMV infizierten Kinder, die bei der Geburt keine Symptome zeigen, bis zum Grundschulalter Spätfolgen auf. Die häufigste Spätfolge ist der Verlust des Gehörs.

„Ich habe gelernt, besser mit der Ungewissheit umzugehen“, erzählt Katharina Kögel. Geholfen hat ihr, die Selbsthilfegruppe „Stark gegen CMV“ zu gründen und sich dort zu engagieren. „Das war Therapie für mich“, sagt sie. Zusammen mit Sabine Leitner, die vor 17 Jahren die erste deutsche CMV-Selbsthilfegruppe gründete, und Julia Burkhard, die sich ebenfalls in der zweiten Schwangerschaft mit CMV infizierte, baute sie die Internetseite „Stark gegen CMV“ auf. Die Ärzte Dr. Horst Buxmann und Prof. Matthias Meyer-Wittkopf unterstützten sie dabei mit ihrem Fachwissen. „Ich dachte, es kann doch nicht sein, dass niemand von der Krankheit gehört hat“, sagt sie.

Ende Juli 2020 ging die Website online. Sie informiert über eine Cytomegalie-Infektion in der Schwangerschaft und beim Baby, klärt über mögliche Folgen und Behandlungen auf und ist Anlaufstelle für betroffene Eltern.

Wie kann ich mein ungeborenes Kind schützen?

„Jede Mama-to-be sollte sich auf CMV testen lassen und ihren Status kennen“, sagt Katharina Kögel. Ideal ist ein Bluttest vor der Empfängnis sowie in der 6. und 12. Schwangerschaftswoche. Die Heimat Krankenkasse übernimmt für schwangere Versicherte die Kosten für den Bluttest im Rahmen des Gesundheitskontos. Sollte der Test ergeben, dass sich die Frau bislang noch nicht mit dem Virus angesteckt hat, sollte sie besonders auf Hygiene achten, empfehlen Kögel und Meyer-Wittkopf. Studien zufolge halbiere das Einhalten der Hygieneregeln die Zytomegalie-Infektionen in der Schwangerschaft. Laut „Stark gegen CMV“ kann eine Hygieneberatung das Risiko einer ersten Infektion mit CMV in der Schwangerschaft sogar um bis zu 85 Prozent senken.

Die Hygieneregeln: Das ist zu beachten

Um eine Erstinfektion in der Schwangerschaft zu vermeiden, empfiehlt „Stark gegen CMV“ folgende Hygieneregeln:

  • gründliches Händewaschen (20 Sekunden lang, vor dem Essen, nach dem Kontakt zu Mitmenschen und nach dem Spielzeug wegräumen)
  • eigenes Besteck benutzen und kein Essen teilen oder den Rest des Kinderessens aufessen
  • erkältete Menschen meiden
  • Nach dem Wickeln Hände desinfizieren und keine Kinder von Freunden oder Familienangehörigen wickeln
  • Das Kind nicht auf den Mund küssen und keine Tränen weg küssen
  • Nicht den Schnuller ablutschen

Katharina Kögels ältere Tochter hat sie in der Schwangerschaft nachts auf den Mund geküsst, Kögel ließ sie gewähren. „Heute, da ich die möglichen Folgen kenne, würde ich versuchen, anders zu kuscheln“, sagt Kögel.

Ein Wunder, dass die Tochter gesund ist

Sabine G.s Tochter kam gesund zur Welt. Sie schied das Virus jedoch noch jahrelang über den Urin aus. Sabine G. und ihr Mann informierten die Erzieherinnen in der Kita über das Virus und hielten schwangere Freundinnen, die zu Besuch waren, etwas auf Abstand zu ihrer Tochter. Im Juni ist sie acht Jahre alt geworden. „Ich bin sehr, sehr dankbar, dass sie gesund ist“, sagt Sabine G. Die Ärzte haben ihr gesagt, es sei ein Wunder, dass die Tochter bei der hohen Viruslast und frühen Infektion keine Symptome zeige. „Das Virus ist unberechenbar“, sagt Sabine G.

Anne Neul

Von Anne Neul

Anne Neul ist Redakteurin der Neuen Westfälischen, freie Journalistin, Life Coach und Mutter eines Sohnes. Ihre Themen-Schwerpunkte sind Schwangerschaft & Geburt, Gesundheit, Familie und persönliche Weiterentwicklung.  

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