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Datum:17.08.2021 - Kategorie:Familie
Lesedauer:ca. 21 Min.

Angst vor der Geburt: Wie werdende Mütter sich vorbereiten können

Nach einer schweren Geburt mit Geburtsverletzungen haben viele Frauen Angst vor einer weiteren Entbindung. Davor, ähnlich schlechte Erfahrungen zu machen. Hebamme Alexandra Löschen erklärt, warum die zweite Geburt viel positiver verlaufen kann und wie sich Frauen gut vorbereiten, damit sie eine gute Erfahrung machen.

Die Geburt unseres Sohnes war schnell und traumatisch. Um 1 Uhr waren wir in der Klinik, um 2.42 Uhr war er da. Ich hatte mir vorgenommen, keine Schmerzmittel zu nehmen. Weil meine Mutter uns drei Geschwister so bekommen hatte und ich dachte: „Das kann ich auch.“ Und, weil die Schmerzmittel in den Körper des Kindes gelangen und die Babys nach der Geburt oft lethargisch sind. Und die Gebärende unter Medikamenten weniger Endorphin ausschüttet – ein natürliches Schmerzmittel. Dadurch erleidet das Kind mehr Schmerzen während der Geburt.

Angst vor der nächsten Wehe

Bis dahin hatte ich gedacht, dass ich Schmerzen relativ gut aushalten könne. Und wurde eines Besseren belehrt. Die Wehen kamen so schnell hintereinander, dass ich mich dazwischen nicht erholen konnte. Ich hatte Angst vor der nächsten Wehe. Dann versiegten die Wehen auf einmal. Die Hebamme sah schon die Haare des Kindes, doch der Kopf steckte im Geburtskanal fest. Ich merkte, er passt nicht durch mich hindurch. Und dachte ich schaff es nicht.

Es ploppte laut, als ich riss

Die Herztöne des Babys gingen hoch. „Du musst pressen!“, sagte die Hebamme. Ich presste, mit aller Kraft. Da drückte mir der Arzt von oben auf den Bauch. Er schob das Kind herunter, um es schnell zur Welt zu bringen. In einer Phase, in der Geburtshelfer die Gebärende häufig anhalten, innezuhalten, damit die Haut Zeit hat, sich zu dehnen, weil der Scheideneingang durch den Kopf des Kindes maximal gedehnt wird, drückte der Arzt den Kopf des Babys schnell aus mir heraus. Es ploppte laut, als meine Scheide und eine Schamlippe rissen. Der Arzt nähte beides unter örtlicher Betäubung wieder zusammen. Noch ein halbes Jahr später hatte ich Schmerzen beim Sex. 

Kristellern: Risiko für Hirnschäden und Armlähmungen

„Du wärst wahrscheinlich nicht gerissen, wenn der Arzt nicht von oben gedrückt hätte“, sagt Alexandra Löschen, seit 18 Jahren freiberufliche Hebamme aus Aurich. „Kristellern“ heißt es, wenn die Geburtshelfer von oben auf den Bauch der Gebärenden drücken. Geburtshelfer machten das eigentlich nicht mehr, sagt Löschen. Nur noch im Notfall.

Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe 2010 warnten Teilnehmer wegen der Risiken für Mutter und Kind mehrfach vor dem Kristellern. Das Kind kann Hirnschäden und eine Armlähmung erleiden. Es sollte im Geburtsbericht dokumentiert sein, wann, warum und in welcher Intensität der Kristeller-Handgriff angewendet wurde, sagt Löschen. 
Im Nachhinein lasse sich schwer beurteilen, ob er gerechtfertigt gewesen sei. 

Eine Pause vor dem Endspurt der Geburt

Wenn die Wehen aussetzten, brauche der Körper manchmal einfach ein bisschen Zeit, um wieder Kraft zu haben und Wehen zu produzieren. Gehe es Mutter und Kind gut, könne man der Frau auch eine Pause gestatten. Es könne sogar Sinn ergeben, zehn oder zwölf Minuten mal weniger Wehen zu haben. Um sich für den Endspurt zu erholen. 

Mein Mann und ich hatten ein zweites Kind geplant. Doch ich war erst einmal traumatisiert. Ich fand es krass, dass ich mich als Mutter ein Stück weit mutwillig zerstören musste, um mein Kind auf die Welt zu bringen. Ich hatte meine Verletzungen in Kauf genommen, um meinen Sohn unversehrt zu gebären. Wenn ich daran dachte, kamen mir immer wieder die Tränen.

„Werde ich wieder reißen?“, frage ich mich

„Werde ich bei der zweiten Geburt nicht schnell wieder an der gleichen Stelle reißen?“, fragte ich mich. „Das kann sein, muss aber nicht“, sagt Alexandra Löschen. Die 42-Jährige betreibt mit fünf Kolleginnen die „Storchennest – Hebammen-Praxis-Gemeinschaft“ in Aurich und hat sechs Jahre lang Geburten im Kreißsaal begleitet. Sie hat zwei Töchter auf natürliche Weise geboren. Da mein Gewebe schon einmal so stark gedehnt worden sei, dehne es sich bei der zweiten Geburt leichter, sagt Löschen. Viele Frauen hätten deshalb bei der zweiten Entbindung weniger und kleinere Geburtsverletzungen.

Es ist wichtig, eine negative Geburtserfahrung gut zu verarbeiten. (Alexandra Löschen, Hebamme)

Nach einer negativen Geburtserfahrung sei es wichtig, diese gut zu verarbeiten. Da die Hebamme, mit der sich die Schwangere auf die zweite Geburt vorbereite, die erste Geburt häufig nicht begleitet hat, könne die Frau von der Geburtsklinik den Geburtsbericht anfordern. Die Hebamme gehe diesen mit ihr durch. Nach einer traumatischen Geburt könne die Frau den Bericht auch schon im Wochenbett anfordern. Die Patientin habe ein Anrecht darauf, Einsicht in ihre Akte zu bekommen. 

Der Geburtsbericht gibt Aufschluss

Im Geburtsbericht halten die Geburtshelfer fest, was wann passiert ist, an welcher Stelle sie wie gehandelt haben und warum. Das müsse nicht immer übereinstimmen mit dem Eindruck, den die Gebärende hatte, sagt Löschen. Die Geburtsberichte seien unterschiedlich ausführlich, je nach Dokumentationssystem der Klinik und wie viel die Hebamme hineingeschrieben habe. Dort steht, wie weit sich der Muttermund wann geöffnet hat sowie der Verlauf der Geburt. „Frau veratmet die Wehen gut“, „Frau kommt nicht mehr gut mit der Wehenatmung zurecht“, „Schmerzmittel angeboten“, trägt die Hebamme zum Beispiel ein. Manchmal wisse der Partner noch, an welcher Stelle es für die Frau gekippt sei oder womit sie sich unwohl gefühlt habe. 

Es war gut, zu verstehen, wie und wodurch meine Geburtsverletzungen entstanden sind. (Anne Neul)

Mir half es, meine Geburtserfahrung mit Alexandra Löschen durchzusprechen. „Du musstest dich nicht zerstören, um dein Kind auf die Welt zu bringen“, korrigiert sie mich. „Dein Kind musste schnell zur Welt kommen, und dabei bist du gerissen.“ Ein feiner, aber wichtiger Unterschied, wird mir klar. Es war gut, zu verstehen, wie und wodurch meine Geburtsverletzungen entstanden sind.

Die Frau hat ein Vetorecht

Mit den neuen Behandlungs-Leitlinien für den Kreißsaal, die im Frühjahr 2021 in Kraft getreten sind, könnten in Zukunft mehr Frauen positive Geburtserfahrungen sammeln. Vom Kristellern raten die Experten in den Leitlinien ab. Es „soll möglichst nicht ausgeübt werden“ und die Frau hat ein Vetorecht. Auch einen Dammschnitt, das Einschneiden des Dammes in Richtung After, sollen der Arzt oder die Ärztin mit der Gebärenden vorher besprechen. Die Leitlinien sehen zudem mehr Zeit für die Geburt vor.

Ich stimmte zu – ohne das Risiko zu kennen

Mir hatte die Hebamme angekündigt, dass mir der Arzt gleich auf den Bauch drücken werde, ob das ok sei. Ich stimmte zu – ohne das Risiko zu kennen. Bei der nächsten Geburt würde ich versuchen, den Kristeller-Handgriff zu vermeiden.

Mit Yoga üben, nicht in die Angst einzusteigen

Damit die zweite Geburt anders verläuft, empfiehlt Alexandra Löschen neben der Verarbeitung der ersten Geburt eine gründliche Geburtsvorbereitung. Die Schwangeren-Yogalehrerin empfiehlt Schwangerschaftsyoga. Dabei lasse sich  gut üben, ruhig und intensiv zu atmen in Positionen, die nicht immer bequem sind. Und sich gut zu konzentrieren. Bei der Atmung zu bleiben und nicht in die Angst einzusteigen. Denn eine Gebärende, die sich in ihre Angst hineinsteigert, verkrampft. Und verkrampftes Gewebe reißt eher. Die ganze Geburt kann dann schwieriger verlaufen.

Jede Frau schaut, was für sie funktioniert

Zu wissen, wie Atmung funktioniert, in unterschiedlichsten Positionen, selbst wenn sie nicht angenehm sind, habe sie bei ihren Geburten am weitesten gebracht, sagt Alexandra Löschen. „Auch im Yoga denke ich manchmal, mir brechen die Arme ab, ich kann es nicht mehr aushalten.“ Wenn sie dann in der Atmung bleibe, könne sie das ausblenden. Dann fühle sich der Arm nicht mehr so schlimm an. Während der Geburt könne die Frau auch mal auf einen Ton oder verzögert atmen, je nachdem, was für sie das Richtige ist. Es funktioniere nicht für jede Frau, stöhnend oder auf einen Ton zu atmen. Jede Frau müsse für sich schauen, was für sie passt. 

Geburtserlebnisse in der Gruppe besprechen

Für die zweite oder dritte Geburt empfiehlt Alexandra Löschen keine klassische Geburtsvorbereitung, sondern einen Mehr-Gebärenden-Kurs. Während es im klassischen Geburtsvorbereitungskurs um die Grundlagen zur Geburt geht, verarbeiten die Frauen im Mehr-Gebärenden-Kurs ihre gemachten Geburtserfahrungen. Sie besprächen ihre Geburtserlebnisse in der Gruppe und sähen: „Ich bin nicht alleine damit.“

Es geht um Fragen wie: Wie war die Geburt, wie das Wochenbett? Welche Ängste und Befürchtungen habe ich? Was möchte ich bei der nächsten Geburt anders haben? Wie kann ich das kommunizieren, damit ich es anders habe? Auch um das Thema Geschwister und Geschwister-Eifersucht geht es. Um Fragen wie: Was passiert mit meiner Liebe? Kann ich die teilen zwischen zwei Kindern? 

Entscheidend ist, ob die Frau an sich glaubt

Alexandra Löschen stärkt das Selbstbewusstsein der Frauen, die sie betreut. Sodass sie davon überzeugt sind: Sie können das. Sie können ihr Kind gebären und auch nach einer negativen Erfahrung eine positive machen. Der Vorteil bei der zweiten Geburt sei, dass die Frau wisse, dass sie ein Kind gebären könne, sagt Löschen. Das gebe der Gebärenden eine andere Zuversicht. Der mentale Zustand der Frau ist bei der Geburt einer der mächtigsten Faktoren. 

„Wie wollen wir es haben?“

Löschen ermutigt die Frauen, im Kreißsaal zu sagen, was sie wollen und was nicht. Sich vorher zu fragen: was genau hat mir nicht gefallen? Und sich im Kopf die zweite Geburt so real wie möglich auszumalen, wie sie sein soll. Wo soll die Geburt starten, wann möchte ich losfahren? Wer ist bei mir? Wie ist die Atmosphäre im Kreißsaal? Wie ist die Hebamme, die mich begleitet? Wie soll es sein, wenn das Baby auf der Welt ist? Nehm ich es selber hoch, oder gibt es mir jemand in den Arm? „Dass die Frau wirklich so etwas wie einen inneren Fahrplan hat“, sagt Löschen. Den sie mit ihrem Partner gut bespricht. „Sodass auch er weiß: Wie wollen wir es haben?“ Das leite sie auch in den Erstgebärenden-Kursen so an. Von den Frauen hätten viele wirklich gute Geburten. 

Entspannungstechniken helfen bei Angst vor der Geburt

Vor jeder Geburt sei es gut, Entspannungstechniken zu üben, sagt Löschen. Entspannen kann die Frau mithilfe eines bestimmten Duftes, den sie sich in den Kreißsaal mitbringt, mit einer bestimmten Musik oder einem bestimmten Kissen. Etwas, womit die Frau etwas Gutes assoziiere, sagt Löschen. Ich habe in der Schwangerschaft einen Selbsthypnose- oder auch Hypno Birthing-Kurs gemacht. Er hat mir zumindest in der ersten Phase der Geburt gut geholfen. Bis der Muttermund 8,5 Zentimeter auf war und wir ins Krankenhaus fuhren. Zwischen den Wehen habe ich mich auf meine Lieblings-Insel La Gomera gedacht. Wie ich dort in den grünen Bergen über dem Meer wandere und auf das blaue Meer hinunterschaue. Erst in der heißen Geburtsphase gelang es mir nicht mehr, mich abzulenken. Das sei auch ok, sagt Löschen.

Auch nach einem Kaiserschnitt ist eine natürliche Geburt möglich

Selbst nach einem oder auch nach zwei Kaiserschnitten sei eine natürliche Geburt möglich, wenn sich Mutter und Klinik darauf einließen, sagt Löschen. „Du brauchst eine Klinik, die dahintersteht und als Mutter das Selbstbewusstsein, dass du denkst: 'Ich kann das.' Natürlich komme es darauf an, warum die Frau einen Kaiserschnitt hatte. Sei das Becken zu schmal gewesen, sei es das beim zweiten oder dritten Kind immer noch. Es bestehe ein Risiko, dass die Narbe des Kaiserschnitts wieder aufgehe, sagt Löschen. „Die Frau muss sich dessen bewusst sein und entscheiden.“ Unter Umständen müssten die Ärzte einen eiligen Kaiserschnitt vornehmen. 

Nach zwei Kaiserschnitten drittes Kind natürlich geboren

Eine Patientin von Alexandra Löschen bekam nach zwei Kaiserschnitten ihr drittes Kind auf natürliche Weise. Das erste Kind hatte in Beckenendlage gelegen. Als das zweite 1,5 Jahre später kam, holten die Ärzte es zur Sicherheit auch per Kaiserschnitt. Liegt weniger als ein Jahr zwischen den Geburten, ist das Risiko höher, dass die Narbe des Kaiserschnitts wieder aufgeht. 

Bei Löschens Patientin ging alles gut. Die Schwangere habe sich gut vorbereitet und dann neun Tage über Termin ihr drittes Kind natürlich geboren. Am zehnten Tag wäre es per Kaiserschnitt geholt worden. „In der Nacht vom neunten auf den zehnten Tag hat die Patientin ihr Kind bekommen“, erzählt Löschen.

Anne Neul

Von Anne Neul

Anne Neul ist Redakteurin der Neuen Westfälischen, freie Journalistin, Life Coach und Mutter eines Sohnes. Ihre Themen-Schwerpunkte sind Schwangerschaft & Geburt, Gesundheit, Familie und persönliche Weiterentwicklung.  

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