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Datum:04.01.2022 - Kategorie:Gesundheit
Lesedauer:ca. 18 Min.

Gendermedizin – Frauen und Männer werden anders krank

Männer erkranken häufiger schwer an COVID und sterben öfter daran. Frauen dagegen leiden häufiger unter Migräne, Rheuma und Neurodermitis. Einen Herzinfarkt erleiden beide, zeigen aber unterschiedliche Symptome. Warum das so ist und warum es sich lohnt, bei der Behandlung grundsätzlich das Geschlecht des Patienten zu berücksichtigen, lesen Sie im Artikel.

Was ist Gendermedizin?

Die geschlechtersensible Medizin erforscht Krankheiten unter besonderer Berücksichtigung der biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Neben dem biologischen Geschlecht bezieht sie auch das soziokulturelle Geschlecht (Englisch Gender) in ihre Untersuchungen ein. D.h., mit welcher Erziehung, Kultur, mit welchen Rollenzuschreibungen, Traditionen und mit welchem Lebensstil wir aufwachsen. Und wie sich das auf unsere Gesundheit auswirkt. „Wir wissen seit vielen Jahren, dass das Geschlecht eine große Rolle bei der Entstehung von Krankheiten spielt“, sagt Prof. Cathérine Gebhard, Expertin für Gendermedizin und Leitende Ärztin Invasive Kardiologie der Klinik für Kardiologie am Inselspital Bern. 8.000 bis 9.000 Studien pro Jahr belegen das. „Wie Krankheiten entstehen und sich verfestigen, die Reaktionen auf Therapien, Nebenwirkungen und Präventionsmaßnahmen sind unterschiedlich“, sagt Prof. Gebhard.

Wo liegen die Unterschiede bei Männern und Frauen?

  • Unterschiedliche Herzinfarkt-Symptome
  • Medikamente werden sehr unterschiedlich schnell abgebaut
  • Frauen haben ein stärkeres Immunsystem als Männer. Sie erkranken deshalb seltener schwer an COVID, leiden jedoch häufiger an Long COVID
  • Frauen leiden häufiger an Auto-Immunkrankheiten wie Rheuma oder Neurodermitis
  • Sie sind schmerzempfindlicher und leiden deshalb häufiger als Männer an chronischen schmerzhaften Erkrankungen wie Migräne oder Fibromyalgie
  • Auch Essstörungen, Depressionen, Osteoporose (Knochenschwund) und Brustkrebs sind typische Frauenkrankheiten
  • Frauen haben durch ihren Körperbau ein höheres Risiko für bestimmte Sportverletzungen
  • Sie haben zwei X-, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Auf einem X-Chromosom liegen mehr als 1.000 Gene, auf das Y passen 70 bis 200. Deshalb leiden Männer häufiger an Erbkrankheiten wie der Bluterkrankheit, die über das X-Chromosom vererbt werden. Frauen können einen Gendefekt über ihr zweites X-Chromosom ausgleichen.

Warum brauchen wir Gendermedizin?

Männer erkranken ebenfalls an Essstörungen, Depressionen, Osteoporose (Knochenschwund) und Brustkrebs, aber viel seltener. Deshalb werden diese Krankheiten bei ihnen oft erst deutlich später erkannt. „Osteoporose bei Männern ist die mit am häufigsten unterdiagnostizierte Krankheit in Europa“, sagt Gebhard. Die Therapie sei wie auch bei anderen typischen Frauenkrankheiten wie Depressionen oder Essstörungen ausschließlich auf Frauen ausgerichtet. Die Medikamente gegen Osteoporose seien lange Zeit nur an Frauen getestet worden. Es sei jedoch wichtig, sich bewusst zu machen, dass auch Männer Depressionen, Essstörungen und Osteoporose haben. Das komme durchaus vor. Bislang würden sie jedoch therapeutisch relativ schlecht versorgt.

Warum brauchen Frauen eine andere Medizin?

Einen Herzinfarkt erleiden zwar Frauen wie Männer, sie schildern jedoch oftmals andere Symptome.

Für Männer sind folgende  Herzinfakt-Symptome typisch:

  • Schmerzen in der Brust, die meist ausstrahlen in den gesamten Oberkörper bis in den Arm, den Unterkiefer, Oberbauch und Rücken
  • Engegefühl
  • heftiger Druck im Brustkorb
  • starkes Brennen im Brustkorb
  • kalter Schweiß
  • das Gefühl, keine Luft zu bekommen

Häufige Herzinfarkt-Symptome bei Frauen:

  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Schwindel
  • Bauchschmerzen
  • generelles Unwohlsein
  • Schmerzen in der Brust 

Frauen sind schmerzempfindlicher als Männer, halten die Schmerzen aber eher aus und warten länger, bis sie Hilfe holen. „Sie sind eher sozial dazu konditioniert, sich bei Schmerzen nicht zu beklagen“, sagt Prof. Gebhard. Zudem wird der Herzinfarkt immer noch als typische Männerkrankheit wahrgenommen. Frauen rechnen daher nicht damit, einen Herzinfarkt zu erleiden. So vergeht die doppelte bis dreifache Zeit, bis sie mit Herzinfarkt den Notruf wählen. Dadurch werden sie oftmals zu spät behandelt und versterben häufiger am Herzinfarkt als Männer. Nicht nur das biologische Geschlecht spielt also eine Rolle, sprich die körperlichen Voraussetzungen, sondern auch das soziale Geschlecht, wie wir als Mädchen oder als Junge erzogen werden.

Frauen bei Medikamenten oft überdosiert

Die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern spielen bei der Medikamenten-Einnahme eine große Rolle. Unterschiede beim Wasserhaushalt und der Nierenfunktion beeinflussen, wie schnell der Körper Medikamente wieder ausscheidet. Zum anderen bewegt sich der weibliche Darm langsamer. Medikamente verweilen so länger in ihm und können vermehrt aufgenommen werden. Auch bei der Körpergröße und Muskelmasse gibt es große Unterschiede. Der männliche Körper verfügt über mehr Muskelmasse, Frauen haben mehr Fettgewebe. All das beeinflusst die Aufnahme, Wirkung und den Abbau der Medikamente, mit der Folge, dass Frauen häufiger als Männer überdosiert sind und öfter unter Medikamenten-Nebenwirkungen leiden.

Eine Studie von Schweizer WissenschaftlerInnen um Cathérine Gebhard ergab, dass 43 Prozent der an COVID-19 erkrankten Frauen und 30 Prozent der Männer noch Monate später müde, erschöpft und nur eingeschränkt belastbar waren. Sie litten unter Kopfschmerzen, einem gestörten Geruchs- und Geschmackssinn, konnten sich schlecht konzentrieren und hatten Gedächtnisprobleme oder Atembeschwerden, Schlaf- und Angststörungen. „Wir versuchen das gerade zu verstehen“, beschreibt Prof. Gebhard die Situation der Forschung.

Soziale Bindungen schützen vor einer Erkrankung

Stress und vorher erlebte Depressionen begünstigen, an Long COVID zu erkranken. Frauen der Studie, die unter Long COVID leiden, waren zuvor häufiger an Depressionen erkrankt und berichteten öfter über Stress als Männer. Schwangere und Frauen mit Verantwortung für eine Familie litten dagegen seltener an Long COVID. Soziale Bindungen und sich um jemanden zu kümmern, für andere zu sorgen scheinen die Patientin eher vor Long COVID zu schützen bzw. das Risiko dafür zu verringern, sagt Gebhard. Dagegen erhöhen starker Stress im Alltag, Depressionen und Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes und Bluthochdruck das Risiko, an Long COVID zu erkranken. Interessant sei, dass Männer, die generell während der Akutinfektion mit COVID schwerer krank sind, seltener an den Langzeitschäden leiden. „Das ist erstaunlich und zeigt, dass wir noch nicht alles verstanden haben“, sagt Gebhard.

Welche Erkenntnisse zur Gendermedizin gibt es bisher?

  • Die Geschlechtshormone sind der Grund, dass das weibliche Immunsystem besser ist: Das Testosteron der Männer unterdrückt eher das Immunsystem
  • Die Geschlechtshormone spielen auch beim unterschiedlichen Schmerzempfinden eine wichtige Rolle
  • Die weiblichen Geschlechtshormone beeinflussen unter anderem die Beweglichkeit von Muskeln, Sehnen und Bändern und damit das Verletzungsrisiko. Je nach Zyklusphase besteht ein unterschiedlich hohes Verletzungsrisiko

Eine Studie habe gezeigt, dass die an COVID erkrankten Frauen reifere weiße Blutkörperchen ausgebildet hatten und diese das Virus effektiver bekämpften, erklärt Prof. Cathérine Gebhard. Dies ist einer der Gründe, weshalb Männer schwerer an COVID erkranken. Das Virus habe Wissenschaftler auch außerhalb der Gender Medizin für die Geschlechterunterschiede sensibilisiert. COVID-19 hat nochmals deutlich gezeigt, dass das männliche und weibliche Immunsystem verschieden sind. Diese großen Unterschiede sind noch nicht vollständig erforscht. Unter Umständen ruft die stärkere Immunantwort des weiblichen Immunsystems auf das Virus Langzeitwirkungen hervor. Akut gesunden Frauen zwar schneller als Männer, eventuell reagiert das Immunsystem aber zu heftig, sodass Organschäden entstehen, vermutet Gebhard. Dafür gebe es jedoch keine Belege.

Die WissenschaftlerInnen vermuten, dass die Geschlechtshormone auch beim unterschiedlichen Schmerzempfinden eine wichtige Rolle spielen: Das Östrogen beeinflusst die Rezeptoren in den Nervenzellen, mit denen der Körper Schmerz wahrnimmt. „Man sagt ja immer: Wenn die Männer die Kinder gebären müssten, wäre die Welt längst ausgestorben. Weil sie angeblich diesen Schmerz nicht ertragen könnten“, sagt Prof. Gebhard. Teste man jedoch unter Laborbedingungen, wer von beiden Geschlechtern schmerzempfindlicher reagiert auf Kälte- und Wärmereize, seien eindeutig die Frauen empfindlicher. Eine große Analyse habe das klar belegt. Dabei sind sie je nach Zyklusphase mehr oder weniger schmerzempfindlich. Entscheidend ist das Hormongemisch im Körper. Bislang gebe es wenige Studien dazu, sagt Gebhard.

Die Zyklusphase spielt auch bei Sportverletzungen eine Rolle: Die weiblichen Geschlechtshormone beeinflussen die Muskelmasse und die Beweglichkeit von Muskeln, Sehnen und Bändern. Das Verhältnis von Östrogen und Progesteron beeinflusst das Verletzungsrisiko. In der zweiten Zyklushälfte, wenn das Östrogen sinkt und das Progesteron steigt, ist das Verletzungsrisiko um ca. ein Drittel niedriger als in der ersten Zyklushälfte. Um optimale Trainingseffekte zu erzielen, könnte es sinnvoll sein, den Hormonzyklus in die Trainingsplanung für Leistungssportlerinnen einzubeziehen, sagt Gebhard. Das intensive Training könnte in die zweite Zyklusphase gelegt werden, in der das Verletzungsrisiko am geringsten ist. Frauen haben durch ihren Körperbau zudem ein höheres Risiko für bestimmte Sportverletzungen. Sie haben öfter X-Beine als Männer, weil das weibliche Becken breiter ist. Dies ist ein Grund, warum das Risiko eines Kreuzbandrisses für Sportlerinnen 4- bis 8-mal höher ist als für Sportler.

Seit wann gibt es Gendermedizin?

Die geschlechtssensible Medizin hat sich in den 1990er-Jahren entwickelt. Eine der führenden Vorkämpferinnen ist die US-amerikanische Kardiologin und Medizinwissenschaftlerin Marianne Legato, die bereits in den 1980er-Jahren Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Frauen und Männern entdeckt hat. Damals begann sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor dem Hintergrund der Frauengesundheitsforschung mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern in der Medizin zu beschäftigen. 2001 gab sie eine Empfehlung heraus, im Gesundheitswesen lokale Strategien für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln und umzusetzen.

In Deutschland begründete die Fachärztin für Kardiologie Vera Regitz-Zagrosek die Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin. Sie war bis 2019 Direktorin des Berlin Institute for Gender in Medicine (GiM) und gab 2011 zusammen mit Sabine Oertelt-Prigione unter dem Titel Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine ein englischsprachiges Lehrbuch heraus. Die Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin setzt sich unter anderem dafür ein, dass die Ergebnisse der Forschung in der medizinischen Praxis umgesetzt werden. In Österreich gibt es an zwei medizinischen Universitäten eigene Lehrstühle für Gender Medicine: Den ersten Lehrstuhl erhielt 2010 Alexandra Kautzky-Willer an der Medizinischen Universität Wien, den zweiten 2014 Margarethe Hochleitner an der Medizinischen Universität Innsbruck.

Wie kann man die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Behandlung nutzen?

„Das Ziel der Gendermedizin ist eine individualisierte Therapie, die berücksichtigt, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind“, sagt Gebhard. Eine individualisierte Therapie verbessert die Wirksamkeit von Behandlungen und verringert unerwünschte Wirkungen. Neben den Patienten könnte auch das Gesundheitssystem von den Kenntnissen der Gender Medizin profitieren: Etwa 7 Prozent der Krankenhaus-Einweisungen erfolgen aufgrund von Medikamenten-Nebenwirkungen, sagt Gebhard. Dies könnte vermieden werden, wenn diese Patienten von vornherein die für sie richtige Dosierung bekämen.

Es besteht Hoffnung, dass Ärzte die Erkenntnisse der Gendermedizin in Zukunft mehr bei der Behandlung von PatientInnen berücksichtigen werden: Ab dem Jahr 2025 sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Lehrplänen des Medizinstudiums in Deutschland verankert. Auch wenn bislang schon viele Universitäten Vorlesungen zur Gendermedizin anbieten, wird das Wissen um die biologischen Unterschiede dann an jeder deutschen medizinischen Fakultät gelehrt.

Anne Neul

Von Anne Neul

Anne Neul ist Redakteurin der Neuen Westfälischen, freie Journalistin, Life Coach und Mutter eines Sohnes. Ihre Themen-Schwerpunkte sind Schwangerschaft & Geburt, Gesundheit, Familie und persönliche Weiterentwicklung.  

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