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Datum:04.01.2022 - Kategorie:Gesundheit
Lesedauer:ca. 16 Min.

Gendermedizin – warum Frauen und Männer unterschiedlich krank werden

Gendermedizin – Männer erkranken häufiger als Frauen schwer an COVID und sterben öfter daran. Frauen dagegen leiden häufiger als Männer unter Migräne, Rheuma und Neurodermitis. Einen Herzinfarkt erleiden Frauen wie Männer, zeigen aber andere Symptome. Warum das so ist und warum es sich lohnt, bei der Behandlung grundsätzlich das Geschlecht des Patienten zu berücksichtigen, lesen Sie in diesem Artikel.

Gendermedizin – Frauen haben ein stärkeres Immunsystem

Frauen haben ein stärkeres Immunsystem als Männer. Dies ist möglicherweise ein Grund dafür, dass Frauen seltener an COVID-19 sterben als Männer. Die Ursache für ihre bessere Immunabwehr liegt in den Hormonen: Das Testosteron der Männer unterdrückt eher das Immunsystem. Eine Studie habe gezeigt, dass die an COVID-19 erkrankten Frauen reifere weiße Blutkörperchen ausgebildet hatten und diese das Virus effektiver bekämpften, erklärt Prof. Cathérine Gebhard, Kardiologin und Expertin für Gendermedizin am Universitätsspital Zürich. Dies ist einer der Gründe, weshalb Männer schwerer an COVID-19 erkranken als Frauen. Das Virus habe Wissenschaftler auch außerhalb der Gendermedizin für die Geschlechterunterschiede sensibilisiert. COVID-19 hat nochmals deutlich gezeigt, dass das männliche und weibliche Immunsystem verschieden sind. Diese großen Unterschiede seien noch nicht vollständig erforscht. 

Was ist Gendermedizin?

Die Gendermedizin erforscht Krankheiten unter besonderer Berücksichtigung der biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Neben dem biologischen Geschlecht bezieht sie auch das soziokulturelle Geschlecht (Englisch Gender) in ihre Untersuchungen ein. D.h. mit welcher Erziehung, Kultur, mit welchen Rollenzuschreibungen, Traditionen und mit welchem Lebensstil Frauen, Männer und Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau definieren, aufwachsen. Und wie sich das auf ihre Gesundheit auswirkt. „Wir wissen seit vielen Jahren, dass das Geschlecht eine große Rolle bei der Entstehung von Krankheiten spielt“, sagt Prof. Cathérine Gebhard. 8.000 bis 9.000 Studien pro Jahr belegten das. „Wie Krankheiten entstehen und sich verfestigen, die Reaktionen auf Therapien, Nebenwirkungen und Präventionsmaßnahmen sind bei Frauen und Männern unterschiedlich“, sagt Prof. Gebhard.

Das starke Immunsystem der Frauen bringt auch Nachteile mit sich: Frauen leiden häufiger an Auto-Immunkrankheiten wie Rheuma oder Neurodermitis. Dabei richtet sich die Immunabwehr gegen die körpereigenen Zellen.

Fast die Hälfte der an COVID erkrankten Frauen leidet an Langzeitfolgen

Und auch wenn Frauen seltener an COVID-19 erkranken als Männer, leiden sie häufiger an Long COVID. Eine Studie von Schweizer WissenschaftlerInnen um Cathérine Gebhard ergab, dass 43 Prozent der an COVID-19 erkrankten Frauen und 30 Prozent der Männer noch Monate später müde, erschöpft und nur eingeschränkt belastbar waren. Sie litten unter Kopfschmerzen, einem gestörten Geruchs- und Geschmackssinn, konnten sich schlecht konzentrieren und hatten Gedächtnisprobleme oder Atembeschwerden, Schlaf- und Angststörungen. „Wir versuchen das gerade zu verstehen“, beschreibt Prof. Gebhard die Situation der Wissenschaft.

Gendermedizin – soziale Bindungen schützen vor einer Erkrankung

Stress und vorher erlebte Depressionen begünstigen, an Long COVID zu erkranken. Frauen der Studie, die unter Long COVID leiden, waren zuvor häufiger an Depressionen erkrankt und berichteten öfter über Stress als Männer. Schwangere und Frauen mit Verantwortung für eine Familie litten dagegen seltener an Long COVID. Soziale Bindungen und sich um jemanden zu kümmern, für andere zu sorgen scheinen die Patientin also eher vor Long COVID schützen bzw. das Risiko dafür zu verringern, sagt Gebhard. Dagegen haben die Frauen mit starkem Stress im Alltag, Depressionen und Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes und Bluthochdruck ein höheres Risiko, an Long COVID zu erkranken. Interessant sei, dass Männer, die generell während der Akutinfektion mit COVID-19 schwerer krank sind als Frauen, seltener an den Langzeitschäden leiden. „Das ist erstaunlich und zeigt, dass wir noch nicht alles verstanden haben“, sagt Gebhard.

Unter Umständen rufe die stärkere Immunantwort der Frauen auf das Virus Langzeitwirkungen hervor. Akut gesunden Frauen zwar schneller als Männer, eventuell reagiere das Immunsystem aber zu heftig, sodass Organschäden entstünden, vermutet Gebhard. Dafür gebe es jedoch keine Belege.

Gendermedizin Herzinfarkt – eine Krankheit, unterschiedliche Symptome

Einen Herzinfarkt erleiden zwar Frauen wie Männer, sie schildern jedoch oftmals andere Symptome. Für Männer sind folgende Symptome typisch:

  • Schmerzen in der Brust, die meist ausstrahlen in den gesamten Oberkörper bis in den Arm, den Unterkiefer, Oberbauch und Rücken
  • Engegefühl
  • heftiger Druck im Brustkorb
  • starkes Brennen im Brustkorb
  • kalter Schweiß
  • das Gefühl, keine Luft zu bekommen

Häufige Herzinfarkt-Symptome bei Frauen:

  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Schwindel
  • Bauchschmerzen
  • generelles Unwohlsein
  • Schmerzen in der Brust 

Frauen warten bei Herzinfarkt-Symptomen länger, bis sie Hilfe holen

Frauen sind generell schmerzempfindlicher als Männer, halten die Schmerzen aber eher aus und warten länger, bis sie Hilfe holen. „Frauen sind eher sozial dazu konditioniert, sich bei Schmerzen nicht zu beklagen“, sagt Prof. Gebhard. Zudem wird der Herzinfarkt immer noch als typische Männerkrankheit wahrgenommen und Frauen rechnen daher nicht damit, einen Herzinfarkt zu erleiden. So vergeht die doppelte bis dreifache Zeit, bis eine Frau mit Herzinfarkt den Notruf wählt. Dadurch würden Frauen oftmals zu spät behandelt und verstürben häufiger am Herzinfarkt als Männer. Nicht nur das biologische Geschlecht spielt also eine Rolle, sprich die körperlichen Voraussetzungen, sondern auch das soziokulturelle Geschlecht, wie wir als Mädchen oder als Junge erzogen werden.

Gendermedizin – Frauen sind aufgrund der Hormone schmerzempfindlicher

Die WissenschaftlerInnen vermuten, dass die Geschlechtshormone beim unterschiedlichen Schmerzempfinden von Mann und Frau eine wichtige Rolle spielen: Das Östrogen beeinflusst die Rezeptoren in den Nervenzellen, mit denen der Körper Schmerz wahrnimmt. „Man sagt ja immer: Wenn die Männer die Kinder gebären müssten, wäre die Welt längst ausgestorben. Weil sie angeblich diesen Schmerz nicht ertragen könnten“, sagt Prof. Gebhard. Teste man jedoch unter Laborbedingungen, wer von beiden Geschlechtern schmerzempfindlicher reagiert auf Kälte- und Wärmereize, seien eindeutig die Frauen empfindlicher. Eine große Analyse habe das klar belegt. Aufgrund ihrer höheren Schmerzempfindlichkeit leiden Frauen häufiger als Männer an chronischen schmerzhaften Erkrankungen wie Migräne oder Fibromyalgie.

Dabei sind Frauen je nach Zyklusphase mehr oder weniger schmerzempfindlich. Entscheidend ist das Hormongemisch im Körper der Frau. Bislang gebe es wenige Studien dazu, sagt Gebhard.

Auch Essstörungen, Depressionen, Osteoporose (Knochenschwund) und Brustkrebs sind typische Frauenkrankheiten. Männer erkranken ebenfalls an ihnen, aber viel seltener. Deshalb werden diese Krankheiten bei ihnen oft erst deutlich später erkannt. „Osteoporose bei Männern ist die mit am häufigsten unterdiagnostizierte Krankheit“, sagt Gebhard. Die Therapie sei wie auch bei anderen typischen Frauenkrankheiten wie Depressionen oder Essstörungen ausschließlich auf Frauen ausgerichtet. Die Medikamente gegen Osteoporose seien lange Zeit nur an Frauen getestet worden. Es sei jedoch wichtig, sich bewusst zu machen, dass auch Männer Depressionen, Essstörungen und Osteoporose haben. Das komme durchaus vor. Bislang würden sie jedoch therapeutisch relativ schlecht versorgt.

Je nach Zyklushälfte ist das Verletzungsrisiko für Frauen höher oder niedriger

Die Zyklusphase der Frau spielt auch bei Sportverletzungen eine Rolle: Die weiblichen Geschlechtshormone beeinflussen die Muskelmasse und die Beweglichkeit von Muskeln, Sehnen und Bändern. Das Verhältnis von Östrogen und Progesteron beeinflusst das Verletzungsrisiko einer Frau. In der zweiten Zyklushälfte, wenn das Östrogen sinkt und das Progesteron steigt, ist das Verletzungsrisiko um ca. ein Drittel niedriger als in der ersten Zyklushälfte. Um optimale Trainingseffekte zu erzielen, könnte es sinnvoll sein, den Hormonzyklus in die Trainingsplanung für Leistungssportlerinnen mit einzubeziehen, sagt Gebhard. Das intensive Training könnte in die zweite Zyklusphase gelegt werden, in der das Verletzungsrisiko am geringsten ist.

Frauen haben durch ihren Körperbau ein höheres Risiko für bestimmte Sportverletzungen: Das Becken der Frau ist breiter, deswegen haben Frauen öfter X-Beine als Männer. Dies ist ein Grund, warum das Risiko eines Kreuzbandrisses für Sportlerinnen 4 bis 8 Mal höher ist als für Sportler.

Gendermedizin – Frauen bauen Medikamente langsamer ab

Die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau spielen bei der Medikamenten-Einnahme eine große Rolle. Männer und Frauen bauen Medikamente sehr unterschiedlich schnell ab, dadurch können sie unterschiedlich stark wirken. Das liegt einerseits an Unterschieden beim Wasserhaushalt und der Nierenfunktion, welche beeinflussen, wie schnell der Körper Medikamente wieder ausscheidet. Zum anderen bewegt sich der Darm bei Frauen langsamer als bei Männern. Medikamente verweilen so länger im weiblichen Darm und können durch diesen vermehrt aufgenommen werden.

Frauen sind bei Medikamenten oft überdosiert

Auch bei der Körpergröße und Muskelmasse gibt es große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer haben mehr Muskelmasse, Frauen mehr Fettgewebe. All das beeinflusst die Aufnahme, Wirkung und den Abbau der Medikamente mit der Folge, dass Frauen häufiger als Männer überdosiert sind und öfters unter Medikamenten-Nebenwirkungen leiden.

Gendermedizin – für eine individuelle Gesundheitsversorgung

„Das Ziel der Gendermedizin ist eine individualisierte Therapie, die berücksichtigt, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind“, sagt Gebhard. Eine individualisierte Therapie verbessere die Wirksamkeit von Behandlungen und verringere unerwünschte Wirkungen. Neben den Patienten könnte auch das Gesundheitssystem von den Kenntnissen der Gendermedizin profitieren: Etwa 7 Prozent der Krankenhaus-Einweisungen erfolgen aufgrund von Medikamenten-Nebenwirkungen, sagt Gebhard. Dies ließe sich vermeiden, wenn diese Patienten von vornherein die Medikamente in der für sie richtigen Dosierung bekämen.

Es besteht Hoffnung, dass Ärzte die Erkenntnisse der Gendermedizin in Zukunft mehr bei der Behandlung von Patienten berücksichtigen werden: Ab dem Jahr 2025 sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Lehrplänen des Medizinstudiums in Deutschland verankert. Auch wenn bislang schon viele Universitäten Vorlesungen zur Gendermedizin anbieten, wird das Wissen um die biologischen Unterschiede zwischen Frau und Mann dann an jeder deutschen medizinischen Fakultät gelehrt.

Anne Neul

Von Anne Neul

Anne Neul ist Redakteurin der Neuen Westfälischen, freie Journalistin, Life Coach und Mutter eines Sohnes. Ihre Themen-Schwerpunkte sind Schwangerschaft & Geburt, Gesundheit, Familie und persönliche Weiterentwicklung.  

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