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Datum:13.10.2020 - Kategorie:Familie
Lesedauer:ca. 12 Min.

Kreidezähne bei Kindern – die neue Volkskrankheit?

„Kreidezähne“ sind poröse, verfärbte Zähne, die beim Essen und Zähneputzen schmerzen können. Laut Studien leiden immer mehr Kinder schon im Milchzahnalter an Kreidezähnen. Was das genau ist und wie sie behandelt werden, lesen Sie im Artikel.

Zora ist sechs Jahre alt. Mit großen Augen setzt sie sich zögerlich in den Behandlungsstuhl des Zahnarztes. Zora hat Kreidezähne, das weiß sie erst seit Kurzem. Und sie hat Angst vor noch mehr Schmerzen.

Kreidezähne – immer mehr Kinder sind betroffen

Kinder, die an sogenannten Kreidezähnen erkrankt sind, klagen oft über schmerzempfindliche Zähne. Der daraus folgende Zahnarzt-Besuch endet dann mit entsprechender Diagnose: Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH. Sie betrifft mittlerweile jedes 7. Kind, wie in der 5. Deutschen Mundgesundheitsstudie zu lesen ist.

Auch die Zahnmedizinerin Dr. Birgit Oberhuber versorgt kleine Patienten wie Zora mit der Diagnose MIH in ihrer Praxis im Münchner Umland. „Besonders in den letzten zehn Jahren ist mir eine subjektive Zunahme dieser Hypomineralisation aufgefallen“, sagt sie. Besonders betroffen seien die Sechsjahresmolaren, die ersten bleibenden Backenzähne. Bei gut 30 Prozent der Kinder, die sie behandelt, finde sie „mindestens einen Zahn, der von Hypomineralisation betroffen ist“. Das deckt sich mit den Zahlen aktueller Studien zum Thema.

Was sind Kreidezähne? Wie sehen Kreidezähne aus?

MIH Zähne erkennen Experten an gelblich-bräunlichen oder weißlich-cremefarbenen Verfärbungen auf der Zahnoberfläche. Die Zähne können bereits porös sein, manchmal zeigen sich Furchen auf der Oberfläche. Zumeist sind die betroffenen Zähne höchst empfindlich – es tut weh, wenn Heißes und Kaltes mit an MIH erkrankten Kinderzähnen in Kontakt kommt.

Unterstützung für Zahnärzte aus Würzburg

Nicht alle Zahnmediziner sind mit dem nötigen Wissen ausgestattet, um MIH zu erkennen und zu behandeln. Deshalb hat sich eine internationale Expertengruppe in Würzburg zusammengetan und den „MIH-Treatment Need Index“ entwickelt. Der soll Zahnärzten bei Diagnose und Therapieplanung unterstützen. Die Würzburger teilen Kreidezähne in vier Schweregrade ein. Dabei ist entscheidend, ob es sich um eine Überempfindlichkeit und / oder einen Zahnschmelzverlust handelt. 

Wie entstehen Kreidezähne?

Um das Leid betroffener Kinder zu lindern, muss die Forschung die Krankheit MIH zuerst einmal verstehen. Ihr Ursprung scheint in der Zeit zu liegen, in der die Zähne unbemerkt im Kiefer mineralisieren. Dieser Prozess findet im menschlichen Gebiss zwischen dem 8. Schwangerschaftsmonat und dem 4. Lebensjahr statt. Bei MIH Zähnen komme es in dieser Zeit zu Problemen, erklärt Dr. Stefan Zimmer, Professor für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin, dem Magazin „Eltern Family“. Das Ergebnis sei „ein Zahnschmelz, der einen Proteinanteil von 20 statt normalerweise zwei Prozent hat“.

Ursachen von Kreidezähnen

Die Forschung konnte die Ursachen der Erkrankung bis heute nicht eindeutig klären. Es gibt einige „Verdächtige“, abschließende Belege fehlen. Für manche Fachleute steht ein Vitamin-D-Mangel im Verdacht, andere sehen Atemwegserkrankungen als ursächlich. Die meisten Experten folgen einer anderen Spur.

Ein Forschungsansatz – entstehen Kreidezähne durch Weichmacher?

Die französische Molekularbiologin Sylvie Babajko wies einen Zusammenhang zwischen dem Weichmacher Bisphenol A (BPA) und der Entstehung von menschenähnlichen Kreidezähnen bei Ratten nach. Sie fand heraus, dass BPA wie eine Art hormoneller Schadstoff wirkt. Dieser greift in den Hormonhaushalt ein, was sich nachhaltig auf den Prozess der Zahn-Mineralisierung auswirkt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält diesen Zusammenhang derzeit noch nicht für auf den Menschen übertragbar.

Ich halte den Ansatz von Sylvie Babajko sogar für sehr beachtenswert. (Dr. Birgit Oberhuber, Zahnmedizinerin)

Dr. Birgit Oberhuber hält Umweltgifte als Ursache von MIH für „sehr plausibel“. In ihrer Kindheit habe sie in erster Linie aus Glasgefäßen getrunken. Mittlerweile würden zumeist Kunststoffgefäße genutzt. „Das fängt bei den Säuglingsfläschchen ja schon an“, ergänzt die Medizinerin.

Es erstaunt nicht, dass die Diagnosen von MIH in den 1990er Jahre vermehrt zunahmen: Die ersten Kunststoffflaschen kamen in Deutschland Ende der 1980er Jahre auf den Markt.

Im Alltag ist es nach wie vor nicht leicht, BPA aus dem Weg zu gehen. Neben Getränke- und Konservendosen steckt es in Verpackungen, Plastikgeschirr, in Parkscheinen und sogar in manchen Kassenbons. Durch Laboruntersuchungen ließ sich BPA beim Menschen in Blut, Urin, Fruchtwasser und Gebärmuttergewebe nachweisen.

Kreidezähne behandeln

Wenn Kinderzähne erste Anzeichen wie Verfärbungen zeigen und extrem schmerzempfindlich sind, ist ein Zahnarzt-Besuch unerlässlich. Ist die Diagnose MIH gestellt, kann den Kindern geholfen werden. Solange kein Schaden vorliegt, seien „Fissuren-Versiegelung, Fluoridierung und Erläuterung einer geeigneten Mundhygiene“ die ersten Schritte, so Dr. Birgit Oberhuber.

Wenn der Zahn bereits beschädigt ist, würde der Hohlraum mit speziellen unbedenklichen Kunststoffen gefüllt. Bei größeren Defekten und entsprechendem Alter empfiehlt Oberhuber eine Überkronung des Zahnes. Das sei allerdings erst möglich, wenn das Kind in der Lage ist zu kooperieren. In der Fachliteratur würde oft das Ziehen dieser Zähne empfohlen. Das sei für sie allerdings das letzte Mittel.

Vorbeugung – was hilft gegen Kreidezähne?

Viele Eltern achten darauf, dass sich die Kleinen regelmäßig die Zähne putzen. Sie nutzen einmal wöchentlich Fluorid-Gel und achten auf eine zuckerarme Ernährung. Der regelmäßige Zahnarzt-Besuch ist Ehrensache. All das helfe, Karies vorzubeugen, erklärt Dr. Birgit Oberhuber. Und das ist auch gut so, da von MIH betroffene Zähne wegen des angegriffenen Zahnschmelzes anfälliger sind für Karies.

Ob diese Maßnahmen allerdings gegen das Auftreten von MIH helfen, bleibt höchst fraglich. Die Phase der Mineralisierung der bleibenden Zähne ist meist vorüber, wenn sich die ersten Anzeichen von MIH zeigen. Dann kann nur noch symptomatisch behandelt werden. Auch wenn Eltern nicht viel tun können, einen Rat hat Oberhuber: „Der Verzicht auf Kunststoffflaschen war für mich die erste Maßnahme bei meinen eigenen Kindern, um mögliche MIH zu vermeiden. Und das empfehle ich auch anderen Eltern.“

Volkskrankheit Kreidezähne – ja oder nein?

Ob uns als Gesellschaft eine zahnmedizinische Kreidezeit ins Haus steht, bleibt abzuwarten. Vieles spricht dafür. Dr. Birgit Oberhuber ist wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen davon überzeugt, dass die Diagnose MIH in den letzten Jahren merkbar zugenommen hat. Das liege nicht nur daran, dass Kinder heute öfter zum Zahnarzt gehen, sagt Oberhuber. Aktuelle Studien bestätigen das.

Kreidezähne – Information ist wichtig

Dr. Birgit Oberhuber hält es für hilfreich, Eltern über die Existenz der Krankheit MIH zu informieren. Eltern sollten wissen, dass sie immer häufiger auftritt bzw. diagnostiziert wird. Außerdem rät sie Eltern kein Risiko einzugehen und Kunststoffflaschen gegen Alternativen aus Glas oder Metall auszutauschen. 

Fazit – schmerzfrei leben mit MIH

Es ist nicht belegt, dass sich die Ernährungsweise maßgeblich auf die frühe Mineralisierung der Zähne auswirkt. Dennoch plädiert Oberhuber für eine ausgewogene, zuckerarme und ballaststoffreiche Ernährung. Regelmäßige Zahnarzt-Besuche, Zahnhygiene und Zahnbewusstsein bildeten eine optimale Voraussetzung für ein gesundes Gebiss. Alles, was den Zähnen zugutekommt, unterstützt auch die Behandlung von Kreidezähnen.

Zora atmet auf. Die Behandlung hat nicht weh getan. In Zukunft wird sie öfter auf diesem Stuhl sitzen. Dann blickt sie auf den Dschungel, den das Praxisteam für die kleinen Patient*innen an die Decke gemalt hat. Zora wird einen neuen Fluorid-Lack bekommen, der ihre Zähne versiegelt. Und der ihr ermöglicht, mit ihrer Mama gelegentlich ein Eis zu essen. Ganz ohne Schmerzen.
 

Tanja Conrad

Tanja Conrad ist Mutter, Pädagogin, Musikerin, Journalistin und Gründerin des Blog-Magazins "NoRisk. NoMum.". Sie schreibt über bewusste Elternschaft, Gesundheit, Reisen und Green Living.

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